Im Gespräch mit Galabina Ivanova, Verantwortliche Kommunikation, blicken Gründungspräsidentin Béatrice Speiser und ihre Nachfolgerin Rahel Gerber auf die Entstehung und Entwicklung von Crescenda zurück, sprechen über das, was bleibt, und über die nächsten Schritte.
GI: Béatrice, kannst du dich erinnern, wann die Idee entstand, eine Institution für Frauen mit Migrationserfahrung zu gründen?
BS: Die Idee für Crescenda tauchte zum ersten Mal während eines Abendessens mit einer Kollegin auf. Der eigentliche Impuls war jedoch eine Reise nach Indien, die ich zehn Jahre zuvor für eine kleine Organisation der Entwicklungszusammenarbeit gemacht hatte.
In Indien wurde mir bewusst, wie viel Kraft und Veränderung von Frauen ausgehen kann, die mit kleinen Unternehmen und der Unterstützung durch Kleinstkredite ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen. Die Erfahrung aus vielen Entwicklungsländern zeigt: Wenn man etwas nachhaltig verändern möchte, lohnt es sich, bei den Frauen anzusetzen.
Es sind aber auch wesentliche biografische Elemente, die zu meiner Motivation beigetragen haben. Ich bin in Brüssel in einem internationalen Umfeld aufgewachsen und bin somit früh mit den Herausforderungen konfrontiert worden, die jede Form von Migration mit sich bringt.
GI: Wenn du auf die vergangenen 22 Jahre zurückblickst: Welche Momente haben dich besonders bewegt oder stolz gemacht? Welche Herausforderungen waren besonders prägend?
BS: Es waren immer die Menschen und ihre Geschichten, die mich immer wieder neu motiviert haben. Bei jedem einzelnen Präsentationsabend war ich glücklich zu sehen, was die Frauen erreicht haben. Heute beglücken mich ganz besonders die Rückmeldungen der Kinder der zweiten Generation, die erzählen, wie wichtig Crescenda für ihre Mütter und damit für ihre ganze Familie war. Unser Ziel war von Anfang an, Frauen in ihrer Vorbildfunktion zu stärken. Frauen sind Multiplikatorinnen.
Für diese lange, manchmal intensive und herausfordernde Reise bin ich unendlich dankbar. Sie gab und gibt meinem Leben einen Sinn.
GI: Rahel, du bist seit 2023 im Vorstand und übernimmst nun das Präsidium. Was begeistert dich an Crescenda?
RG: Ich bin Crescenda seit vielen Jahren verbunden, denn die Gründungsidee von Béatrice hat mich nachhaltig beeindruckt: Frauen mit Migrations- und Fluchterfahrung können ihr Potential in ihre neue Heimat einbringen. Zur Erfüllung dieser Mission möchte ich meinen Teil beitragen!
Crescenda ist ein Ort ist, an dem die Frauen ankommen dürfen. Sie müssen nicht sofort «leisten», werden eher ermutigt, sich erst einmal selbst zu entfalten. Je mehr sie an Selbstvertrauen gewinnen, desto stärker können sie aus dem Vollen schöpfen. Jede Frau hat Talente, die sie in unsere Gesellschaft einbringen kann. Diese individuellen Entwicklungen zu beobachten, berührt mich sehr. Ausserdem begeistert mich immer wieder, wie sehr die Mütter Vorbilder für ihre Kinder sind. Je besser es den Müttern geht, desto stärker werden ihre Kinder.
GI: Béatrice, warum ist jetzt der richtige Zeitpunkt für die Übergabe gekommen?
BS: Schon vor einigen Jahren habe ich für mich entschieden, in diesem Zeitraum zurückzutreten. Der genaue Zeitpunkt lässt sich freilich nicht im Voraus planen. Da spielt auch viel Unvorhergesehenes eine Rolle. Jetzt scheint mir der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein.
Rahel und ich haben in den vergangenen zwölf Monaten intensiv zusammengearbeitet. Es freut mich, dass sie mich gebeten hat, noch im Vorstand zu bleiben. Offensichtlich ist eine tragfähige Vertrauensbasis da.
Wichtige Projekte sind aufgegleist, und so scheint es mir der ideale Moment für einen Rollenwechsel zu sein. Vor allem bin ich überzeugt, dass wir mit Rahel Gerber die richtige Person gefunden haben.
GI: Rahel, worauf freust du dich in deiner neuen Rolle besonders?
RG: Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit dem tollen Team und dem engagierten Vorstand. Die unterschiedlichen Hintergründe und Talente machen Crescenda stark.
Besonders freue ich mich auch auf die persönlichen Begegnungen mit den Frauen aus unseren Programmen.
GI: Und worauf möchtest du in den kommenden Jahren einen Fokus legen?
RG: Für die Zukunft wird es entscheidend sein, komplexe und immer schneller werdende Entwicklungen gut zu begleiten – von geopolitischen Veränderungen über Digitalisierung bis hin zu KI. Ich freue mich deshalb sehr auf die Umsetzung der neuen Ausbildungsarchitektur, welche ab 2027 zum Tragen kommt. Damit werden wir mit unseren Angeboten auf das dynamische Umfeld eingehen und den Frauen flexiblere Einstiegs- und Entwicklungsmöglichkeiten bieten.
Sehr wichtig wird auch die Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen bleiben. Und nicht zuletzt wollen wir unsere Finanzierung weiter verbreitern, damit wir auch in stürmischen Zeiten finanziell abgesichert sind.
GI: Wenn ihr einen Wunsch für die Zukunft von Crescenda frei hättet…
RG: Ich wünsche mir, dass Crescenda zunehmende Komplexitäten clever managt und dass wir finanziell stabil und breit abgestützt sind. Denn: wir wollen möglichst viele Frauen auf ihrem Weg begleiten können!
BS: Mein Wunsch für Crescenda ist, dass wir weiterhin unternehmerisch denken und innovativ handeln. Hierbei erhoffe ich mir, dass Crescenda stets mit offenen Augen und Ohren wahrnimmt, welche Hürden Frauen mit Flucht- oder Migrationserfahrung hier in der Schweiz überwinden müssen, damit wir unsere Arbeit daran ausrichten. Nicht Ideologien sollen Leitlinien sein, sondern die Realität und unsere Werte – zum Wohle dieser Frauen und unserer Gesellschaft.
Ich habe von diesen Frauen so viel gelernt; jede Begegnung war und ist eine Bereicherung.
GI: Vielen Dank euch beiden für das Gespräch.
Nach 22 Jahren engagierter Aufbau- und Entwicklungsarbeit hat Gründungspräsidentin Béatrice Speiser entschieden, dass es Zeit für eine Stabsübergabe ist.
Mit grosser Leidenschaft, Weitsicht und Beharrlichkeit hat Béatrice Crescenda seit der Gründung geprägt und wesentlich dazu beigetragen, dass sich unsere Organisation erfolgreich entwickeln konnte. Für dieses ausserordentliche Engagement danken wir ihr von Herzen.
Gleichzeitig freuen wir uns sehr, dass Rahel Gerber das Präsidium übernimmt. Als Mitglied des Vorstands kennt sie Crescenda, unsere Mission und unsere Ziele bestens. Sie wird die Weiterentwicklung von Crescenda gemeinsam mit dem Vorstand gestalten.
Béatrice Speiser bleibt im Vorstand und kann auf diese Weise ihre wertvollen Erfahrungen und ihr Wissen weiterhin einbringen. So ist der Übergang von Kontinuität und gemeinsamer Verantwortung geprägt.
Wir danken Béatrice Speiser für ihr grosses Wirken und wünschen Rahel Gerber viel Freude und Erfolg in ihrer neuen Aufgabe. Gemeinsam blicken wir zuversichtlich auf die kommenden Schritte von Crescenda.
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