Spenden

Interview mit der Gründungspräsidentin Béatrice Speiser

Beeatrice

Mehr denn je! Ein Gespräch mit Béatrice Speiser anlässlich des 20-jährigen Jubiläums von Crescenda.

Vor 20 Jahren haben Sie das Gründungszentrum Crescenda für Frauen mit Migrationserfahrung ins Leben gerufen. Wie kamen Sie auf diese Idee?
Die Inspiration entstand durch eine Reise nach Indien, wo ich die Gelegenheit hatte verschiedene Entwicklungsprojekte zu besuchen. Dort habe ich erfahren, welch grosse Veränderungen Frauen dank Mikrokrediten und Einzelunternehmen gesellschaftlich bewirken können. 10 Jahre später wurde hier die Integrationspolitik plötzlich vermehrt in der Öffentlichkeit diskutiert. So entstand die Idee, die Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Entwicklungszusammenarbeit situationsadäquat für die Integration von Frauen mit Migrations- und Fluchterfahrung in der Schweiz wirksam zu machen. 

Stichwort Pionierarbeit. Wie haben sie diese wahrgenommen? Wie hat die Öffentlichkeit in den ersten Jahren auf Crescenda reagiert? 
Zu Beginn begegneten wir vor allem Erstaunen und Skepsis und fühlten uns sehr einsam. Wir freuen uns deshalb, dass es heute zahlreiche weitere Institutionen gibt, die sich ebenfalls diesem Thema annehmen und auch das Unternehmertum als Möglichkeit für eine gelingende und nachhaltige Integrationsarbeit wahrnehmen. Unser Anliegen erhält so in der Öffentlichkeit viel mehr Gewicht.

Welches sind die wichtigsten Anliegen und Ziele von Crescenda? Haben sich diese in den letzten 20 Jahren verändert?Das zentrale Anliegen war von Anfang an Frauen mit Migrations- und Fluchterfahrung zu ermöglichen, ihre Ressourcen und ihr Potential in der neuen Heimat auszuschöpfen, Perspektiven zu entwickeln und wieder wachsen zu können. Sie können so auch selbstbestimmter an der Gesellschaft partizipieren und als Vorbilder für ihre Kinder fungieren. Hieran hat sich in den letzten 20 Jahren nicht viel verändert. Hingegen hat sich der Kreis der Teilnehmerinnen stark diversifiziert. Setzte sich dieser zu Beginn vornehmlich aus Frauen zusammen, die wegen sogenanntem Familiennachzug in die Schweiz kamen, sind es seit ungefähr 10 Jahren insbesondere Frauen mit Fluchterfahrung. Diese zwei Anspruchsgruppen haben sehr unterschiedliche Bedürfnisse.   

Welches sind die grössten Herausforderungen, welche Frauen mit Migrationserfahrung in der Schweiz meistern müssen? 
Die offensichtlichsten Hürden sind mangelnde Diplomanerkennung oder fehlende Herkunftsfamilie. Wenn zum Beispiel ein Kind krank ist und jemand auf das Kind aufpassen muss, verfügen Frauen mit Migrationserfahrung meistens über keinen Backup. Weitere Herausforderungen sind die unterschiedlichen Kulturen, andere Regulatorien und möglicherweise auch die Bewältigung von Traumatisierungen im Herkunftsland, auf der Flucht oder bei der Ankunft. Weit weniger offensichtlich, aber nicht weniger problematisch, ist das, was zwischen den Zeilen steht. Ich bin selbst im Ausland aufgewachsen, war dann ein paar Jahre in St. Gallen und sodann nach Basel gekommen, durchaus in privilegierten Verhältnissen. Trotzdem habe ich realisiert, dass man immer wieder ungewollt aneckt, oder man tritt in Fettnäpfchen. Man weiss nicht so richtig weshalb und genau das, macht es so schwierig. Man fühlt sich wie in einem Schleier, von Nebel umhüllt und weiss nicht so richtig, wo man eigentlich anfangen soll. Eine weitere grosse Hürde ist sicherlich die fehlende hiesige Vernetzung. 

Crescenda ist ein Ort der Begegnungen. Welche Menschen treffen sich hier?
Das Anliegen ist, dass möglichst viele Menschen den Weg zu Crescenda finden, unterschiedlichste Menschen, mit unterschiedlichsten Hintergründen. Um Martin Buber zu zitieren: der Anfang von allem ist Begegnung. Wenn sie sich begegnen, sich austauschen, können sie sich miteinander auseinandersetzen und erfahren, wie die Welt des anderen funktioniert. So können sie aufeinander zugehen und voneinander lernen und vielleicht gemeinsam ein Stück weitergehen. Das ist für mich gelebte Inklusion. 

Female Migrant Entrepreneurship ist ein zentrales Moment für Sie. Weshalb? 
Unternehmertum ist für mich Mittel zum Zweck. Eher eine Minderheit der Kursteilnehmerinnen von Crescenda träumten davon, Unternehmerinnen zu werden. Sie erkannten einfach, dass sie als Unternehmerinnen bestimmte Hürden überwinden können, wie beispielsweise die fehlende Diplomanerkennung. Dahinter steckt jedoch ein tieferes Bedürfnis: das Verlangen, möglichst selbstbestimmt tätig sein zu können, was ein tiefes menschliches Bedürfnis ist. Wir wollen doch alle Subjekte und nicht Objekt sein, und auf Augenhöhe miteinander agieren. In einem interkulturellen Kontext kommt diesem Bedürfnis eine besondere Bedeutung zu. 

Welche Methodik wendet Crescenda in ihren Angeboten an? 
Crescenda ist nicht aus einer politischen Idee heraus entstanden, sondern als private Initiative mit einem konkreten Anliegen. Wir verstehen uns als Labor. Das heisst, wir sind zu Beginn einfach ins kalte Wasser gesprungen und haben immer wieder beobachtet und daraus unsere Schlussfolgerungen gezogen. Auf dieser Grundlage haben wir als Brückenbauerin unsere Angebote laufend bedürfnisorientiert weiterentwickelt und wir lernen ja am meisten von unseren Teilnehmerinnen, insbesondere was es bedeutet, in einer fremden Umgebung sein Leben neu zu gestalten und aufzubauen. 

Etwas, was sich von Beginn an bei Crescenda wie ein roter Faden durchzieht, ist das Empowerment: Bei Frauen mit Migrationserfahrung anzusetzen, zu schauen, was ihre Ressourcen sind, ihnen auf Augenhöhe begegnen, ihnen das Vertrauen zu schenken und ihnen so zu ermöglichen, hier in einer für sie neuen Umgebung wachsen zu können. Wir arbeiten mit einem individuellen Ansatz, dem Potentialansatz. 

Was unterscheidet das Gründungszentrum von anderen Anbietern?
Wir sind die einzigen Anbieter, die zwanzig Jahre Erfahrung vorweisen können. Zudem ist Crescenda ausschliesslich für Frauen da. Unsere Angebote richten sich an Frauen mit Migrations- und Fluchterfahrung aus der ganzen Welt, mit den unterschiedlichsten Bildungshintergründen, sowie kulturellen, religiösen und familiären Hintergründen. Die Erfahrung zeigt auch, dass Frauen mit Migrationserfahrung trotz aller Unterschiede, zusammen plötzlich gemeinsame Erfahrungen, beziehungsweise gleiche Hürden wahrnehmen. Dies zeigt ihnen, dass es nicht an ihnen persönlich liegt, sondern, dass die Ursachen oftmals woanders herrühren.

Durch innovative sozialunternehmerische Modelle, wie jüngst beispielsweise mit unseren Kooperativen flexifeen und Equipa, befähigen wir Frauen im Kollektiv unternehmerische Dienstleistungen anzubieten. Als Sprachrohr nehmen wir aktiv Einfluss auf die Verbesserung struktureller Rahmenbedingungen und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit.  

Gegen aussen positioniert sich Crescenda stärker als Kompetenzzentrum und setzt sich ein für die Abschaffung struktureller Diskriminierung und für die Stärkung gesellschaftspolitischer Strukturen, welche die berufliche Potentialentfaltung von Frauen mit Migrationserfahrung ermöglichen. Um diese strukturellen und systemischen Veränderungen zu initiieren und nachhaltig zu verankern, sensibilisiert Crescenda – im Sinne der Advocacy – Entscheidungsträger:innen und die Öffentlichkeit für eine inklusivere und diversere Gesellschaft. 

Welche Vision haben Sie von Crescenda? Wo steht Ihrer Ansicht nach Crescenda in 20 Jahren?
Ich persönlich hoffe, dass Crescenda auch in Zukunft primär ein Labor sein wird, das sich immer wieder von Neuem den Herausforderungen stellen und Lösungen suchen wird. Ein Stichwort ist sicherlich auch die zunehmend hybride Arbeitswelt, die sich auch schon bei uns manifestiert, indem Frauen zwar hier leben aber ein Unternehmen in ihrem Heimatland aufbauen möchten. 

Was ich nicht hoffe, ist, dass die Schweiz wieder zu einem Auswanderungsland wird und wir uns mit Auswanderungsmodellen entsprechend befassen müssen. 

Wichtig wären meines Erachtens auch wissenschaftliche Untersuchungen, die uns auf wissenschaftlich basierten Erkenntnissen ermöglichen, unser Angebot zu verbessern. 

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Botschaften, die Crescenda in die breite Öffentlichkeit trägt, und damit die Öffentlichkeit für bestimmte Themenbereiche sensibilisiert?
Ich bin davon überzeugt, dass Frauen mit Migrationserfahrung enorme Ressourcen und Potential haben. Diese gilt es herauszukristallisieren – einerseits für die Frauen selbst, andererseits aber auch für die Gesellschaft, für die dies ein enormer Gewinn ist. In diesem Sinne will Crescenda Wachstum ermöglichen. Wenn es uns gelingt, das Selbstvertrauen von Frauen mit Migrationserfahrung zu stärken und ihnen Mittel in die Hand zu geben, mit denen sie ihr Leben besser gestalten und bewältigen können, dann können wir Selbstwirksamkeit fördern und dies wiederum ist von unschätzbarem Wert für unsere Gesellschaft. Insbesondere schöpfen wir das hiesige, bereits vorhandene Inländer:innen-Potential aus und müssen nicht zusätzliche Arbeitsressourcen aus dem Ausland beiziehen. 

Last but not least: indem sich die unterschiedlichsten Frauen begegnen und in Beziehung treten, verhindern wir die Bildung von Parallel-Gesellschaften und bewirken dadurch Friedensarbeit. 

Erfolg wird unterschiedlich definiert. Was bedeutet für Crescenda Erfolg?
Mittlerweile verfügen wir über zahlreiche Instrumentarien, die unseren Erfolg quantitativ erfassen. Für mich persönlich zählt vielmehr der qualitative Aspekt, also wenn eine Frau beispielsweise wieder ihre Lebensenergie spürt, ihre Ressourcen, ihr Potential in der hiesigen Gesellschaft zur Entfaltung bringen kann, wenn sie auch für ihre Familie ein Vorbild sein und sich aktiv in die Gesellschaft einbringen und mitgestalten kann. 

Sie haben sehr viele Teilnehmerinnen der Angebote von Crescenda kennengelernt und waren eng mit ihnen im Austausch. Was ist ihnen persönlich in Erinnerung geblieben? Was hat sie besonders bewegt?
Jede Begegnung prägt. Ganz besonders bewegt mich, wenn jemand plötzlich Flügel bekommt, sich in der Schweizer Arbeitswelt und Gesellschaft aktiver bewegen kann. Dies widerspiegelt sich schnell in einem neuen Lächeln und in einer anderen Ausstrahlung.